Digitalisierung: die beiden Seiten der Medaille

05.10.2017 Artikel herunterladen

München – Die digitale Transformation ist eine abstrakte Metapher für eine Entwicklung, deren Folgen in kurzer Zeit sehr konkret geworden sind. Die Akteure der Immobilienbranche haben inzwischen erkannt, dass sie sämtliche wichtigen Prozesse digital optimieren müssen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Was auf dem Spiel stehen kann, zeigt sich im Einzelhandel. Dort hat der aufstrebende E-Commerce zahlreiche Firmen, die zu wenig Innovation gewagt haben, regelrecht verschluckt. Ähnliches könnte sich mittelfristig auch in der Immobilienwelt abspielen.

 

 

Doch der Kulturwandel innerhalb des Unternehmens ist nur eine Seite der Medaille: Auch die öffentliche Hand muss sich grundlegend digital erneuern, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und Rechtssicherheit zu schaffen. Am Stand der Bundesarbeitsgemeinschaft Immobilienwirtschaft Deutschland (BID) auf der Expo Real diskutiert dazu am 5. Oktober 2017 um 12 Uhr Sun Jensch, Bundesgeschäftsführerin des Immobilienverbandes IVD, mit Experten der Branche über das Thema „Neue Chefsache ‚Digitalisierung‘? Was heißt das für die PropTechs und die Immobilienwirtschaft?“ Die wi hat vorab mit den Diskutanten gesprochen.

Nicholas Neerpasch, Gründer und Geschäftsführer der Doozer Real Estate Systems GmbH, sieht großen Nachholbedarf. „Insgesamt hinkt die Entwicklung der Immobilienbranche in der Digitalisierung deutlich der Finanzwirtschaft oder der Automobilindustrie hinterher. Die Spanne innerhalb der Immobilienbranche ist dabei gewaltig. Einerseits gibt es Unternehmen, die in der Entwicklung sehr weit sind – zum Beispiel große Wohnungsgesellschaften, die in den letzten Jahren erheblich in IT investiert haben. Andererseits gibt es viele Bestandshalter und Wohnungsverwalter, deren Digitalisierungsgrad sich dadurch auszeichnet, dass Sie mit Excel arbeiten“, so Neerpasch. Letztere verschliefen die dynamische Entwicklung dieser Tage und müssten dringend aufwachen.

Ähnlich sieht es Andreas Böhm, Leiter Digitalisierung der B&O Service Gruppe. „Andere Branchen haben das Potential der Digitalisierung nicht nur erkannt, sondern bereits umgesetzt. Wo hakt es in der Immobilienwirtschaft?“, fragt er. Ein Großteil der Wertschöpfung liege im Handwerk. Hier sei sein Unternehmen Vorreiter in der Digitalisierung. „Es ist wichtig, dass dezentrale Akteure wie Handwerker und Bauleiter bestmöglich vernetzt und zentral gesteuert werden“, so Böhm. Auch deshalb entwickle sein Unternehmen die Augmented Reality App magicplan.

Kai Erdel, Direktor Produkt- und Projektmanagement bei Real Estate Claim Control, verbindet mit der Digitalisierung großen Chancen für die Branche. „Die Digitalisierung der heutigen analogen Prozesse führt zu einem hohen Automatisierungsgrad und einer entsprechenden Transparenz. Mit der Digitalisierung können neue Zielgruppen erreicht werden und neue Geschäftsmodelle entstehen“, so Erdel.

„Dass das Internet weiterhin ein bedeutsamer Vertriebskanal bleibt, ist mittlerweile unstrittig“, sagt Fabian Bender, Head of Real Estate Sales, eBay Kleinanzeigen. Zugleich herrsche in der Branche eine größer werdende Unzufriedenheit mit den etablierten Anbietern. „Die Immobilienwirtschaft verlangt angesichts der Marktsituation einfache und zugleich kostengünstige Lösungen“, so Bender. Hier setze sein Unternehmen an.

Alexander Veit, CTO und Datenschutzbeauftragte von My Real ID, hebt hervor, dass die Digitalisierung eine Chance sei, „die die Branche aktiv umarmen sollte.“ Eine digitale Lösung müsse allen Teilnehmern nutzen, ansonsten habe sie keine Existenzberechtigung. „PropTech muss aus der IT kommen und in Zusammenarbeit mit der Branche sein volles Potential entfalten“, sagt Veit. Und für ihn wichtig: „Datenschutz um jeden Preis – ohne Wenn und Aber!“